150 Jahre SPD

Vorwort zum Buch


Kerstin Griese MdB

Peter Zwilling
Liebe Leserinnen und Leser,
herzlich willkommen zur Geschichte der SPD im Kreis Mettmann. Ob Sie nun selbst aus den Städten des Kreises kommen, dort Verwandte haben oder sich einfach für unsere Historie interessieren: In diesem Buch finden Sie Geschichten und Geschichte aus 150 Jahren Sozialdemokratie in der Region zwischen Rheinland, Bergischem Land und Ruhrgebiet. Sie werden viel über Menschen erfahren, die diese Region und die SPD geprägt haben und die sich außerordentlich für Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität engagiert haben.
Die Geschichte der Arbeiterbewegung ist eine wesentliche Wurzel unseres heutigen demokratischen Staates. Die Frauen und Männer, die sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts dem Kampf für die Rechte der Arbeiterinnen und Arbeiter in den neu entstandenen Industriebetrieben verschrieben haben, waren häufig inspiriert aus der Phase des bürgerlichen Vormärzes, als erstmals das Feudalsystem infrage gestellt worden war.
Auf dem Gebiet des heutigen Kreis Mettmann entstanden die ersten Industriebetriebe, wie die mechanische Baumwollspinnerei in Ratingen, wohl die erste „Industriespionage“, mit deren Hilfe eine englische Maschine auf dem europäischen Festland nachgebaut wurde. Viele mechanische Webereien lösten die Hauswebereien ab, Textilfabriken, wie Gressard & Co. in Hilden, entstanden. Erste metallverarbeitende Betriebe wurden aufgebaut. So gab es Ende des 19. Jahrhunderts in Heiligenhaus, Velbert und Umgebung viele Fabriken der Schloss- und Beschlagbranche sowie einige Eisen- und Tempergießereien. Schneidwaren wurden in Haan gefertigt und in Wülfrath-Dornap entstand die Kalkindustrie. Auch Fabriken der Lederverarbeitung entwickelten sich. Im Kreis Mettmann entstand eine vielfältige mittelständische Industrielandschaft, die vielen Menschen Arbeit gab und die den Zuzug in die Städte des Kreises beschleunigte.
Die Infrastruktur mit dem Ausbau der Verkehrswege in die großen Städte an der Ruhr, am Rhein und an der Wupper wurde aufgebaut. Im Zuge der vergleichsweise späten Industrialisierung im Deutschen Reich kehrten auch Armut und katastrophale Arbeitsbedingungen in den Alltag ein. In den Fabriken selbst wurde damals unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert, Kinderarbeit war an der Tagesordnung und die Arbeiter waren quasi rechtlos und verarmt.
Diesen Anforderungen hat sich gemeinsam mit den Gewerkschaften im Deutschen Reich und auch im Kreis Mettmann die Arbeiterbewegung entschieden gestellt und von Beginn an durch ihre Organisation die Not der arbeitenden Schichten zu lindern versucht. Überall im Kreis entstanden erste Zusammenschlüsse von Arbeitern nach dem Leitgedanken des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV). Erste Abgeordnete des ADAV und der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) wurden in den Reichstag des Norddeutschen Bundes gewählt. Hier sind die Wurzeln der SPD im Kreis Mettmann. Viele heutige sozialstaatliche Errungenschaften basieren auf den Ideen der Arbeiterbewegung, auch wenn es noch bis 1919 dauern sollte, ehe auch Sozialdemokraten in der Weimarer Republik Regierungsverantwortung übernehmen konnten.
Die SPD ist eine geschichtsbewusste Partei und stolz auf die zahlreichen Errungenschaften, die sie für die Arbeiterinnen und Arbeiter in nunmehr 150 Jahren erringen konnte. Bei allen Repressalien gegen die Sozialdemokratie stand immer der Kampf gegen Unterdrückung und für die zentralen Werte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität im Mittelpunkt sozialdemokratischen Handelns.
Wie sich die Gesellschaft in den letzten 150 Jahren verändert hat, so hat auch die Sozialdemokratie sich immer wieder programmatisch neu aufstellen müssen, damit sie Geschichte im Sinne der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf der Höhe der Zeit gestalten konnte. Dies geschah nicht ohne Verwerfungen und Spaltungen. Die sozialdemokratische Idee hat nicht immer alle Menschen, die sich für Fortschritt und für eine soziale Politik engagierten, erreichen können.
Am Ende des 19. und zu Anfang des 20. Jahrhunderts entstand ein Arbeitermilieu mit eigenen Wohlfahrtsverbänden wie der Arbeiterwohlfahrt (AWO), eigenen Sport- und Kulturvereinen, den Gewerkschaften und ganzen Stadtvierteln, wo Arbeiterinnen und Arbeiter in Werkswohnungen zusammenlebten. Viele Sport- und Kulturvereine, auch in unseren Städten im Kreis Mettmann, gehen auf diese Tradition zurück. Die Arbeiterwohlfahrt ist heute noch in allen Städten des Kreises aktiv und steht heute, wie die SPD selbst, in der Mitte der Gesellschaft. Sie ist unabhängig und bietet eine breite Palette von sozialen Dienstleistungen an, die sich nicht mehr nur an Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer richten.
Sozialdemokratie und Gewerkschaftsarbeit waren viele Jahre zwei Seiten einer Medaille. Viele sozialdemokratische Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker in den 1920er Jahren und in den ersten zwei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg waren gleichzeitig Betriebsräte und in den Gewerkschaften aktiv. Gewerkschaftliche Forderungen waren und sind auch immer Kernforderungen der SPD. Bei allen Meinungsverschiedenheiten soll das im Grundsatz auch so bleiben.
150 Jahre Sozialdemokratie sind im Kreis Mettmann auch ca. 120 Jahre Kommunalpolitik. Im späten 19. Jahrhundert machten sich die ersten Sozialdemokraten auf, um für die Gemeinderäte zu kandidieren und die sozialdemokratische Idee in die Kommunalpolitik einzubringen. Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches wurden die ersten bescheidenen Gehversuche in der Kommunalpolitik belohnt. Sozialdemokraten und Gewerkschafter gründeten 1918 die Arbeiter- und Soldatenräte, aus denen sie als Mehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands (MSPD) und Unabhängige SPD (USPD) für die ersten Stadtratswahlen und Kreistagswahlen antraten. Dennoch, der Kreis Mettmann blieb bürgerlich. Das Zentrum, die katholische Vorläuferpartei der heutigen CDU, war bis 1933 in der Regel die stärkste Partei im Kreis Mettmann, bis die NSDAP die Macht übernahm und alle demokratisch gesinnten Parteien die Stadträte und den Kreistag verlassen mussten bzw. – wie die SPD am 22. Juni 1933 – verboten wurden.
Nach 1945 waren Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten unbescholten, hatten kommunalpolitische Erfahrung und standen zum Wiederaufbau der Städte und des Gemeinwesens bereit. In fast allen Städten des Kreises wurden sozialdemokratische Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker mit Mehrheit in die Stadträte und den Kreistag gewählt. Sozialdemokratische Bürgermeister und Stadtdirektoren bauten die Infrastruktur in den Städten mit den Menschen gemeinsam wieder auf. Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten vertraten den Kreis im Landtag und im Bundestag.
In ihrer langjährigen Geschichte hat sich die SPD im Kreis Mettmann und haben sich die Menschen, die Verantwortung in der Partei in den Städten und im Kreis übernommen haben, immer für soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit eingesetzt. Diese Tradition hilft dabei, sich gegenwärtigen Anforderungen selbstbewusst zu stellen und sich für Fortschritt für alle Menschen zu engagieren. Für die SPD ist die Arbeit in den Ortsvereinen und in den Kommunen die Basis aller Aktivitäten. Sich dieser Geschichte bewusst zu werden und an diese zu erinnern, bleibt eine wichtige Aufgabe.
Das 150-jährige Parteijubiläum der SPD ist darum ein bedeutender Anlass, um die Geschichte der SPD im Kreis Mettmann und seinen Städten und seinen ehemaligen Gemeinden Erkrath, Gruiten, Haan, Heiligenhaus, Hilden, Hochdahl, Mettmann, Monheim, Neviges, Langenberg, Langenfeld, Ratingen, Velbert und Wülfrath zu erforschen, zu sichern und darzustellen. Ehrenamtlich engagierte Bürgerinnen und Bürger haben sich in einer speziell zu diesem Anlass gegründeten Historischen Kommission mehrfach getroffen und mit beindruckender Intensität dieses Projekt möglich gemacht. Sie haben in Archiven recherchiert, alte Dokumente, Zeitungen und Fotografien ausgegraben, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen befragt und selbst Geschichte geschrieben. Das Ergebnis ist dieses Lesebuch mit den Geschichten der einzelnen Städte und ihren jeweiligen Wurzeln in der Arbeiterbewegung. Einigend für alle Menschen, die dabei zu Wort kommen, für alle Ereignisse, die gerade in schwierigen Zeiten der Verfolgung und des Widerstandes der Sozialdemokratie Kraft gegeben haben, bleiben der Wunsch und die Verantwortung für eine bessere, gerechtere und friedlichere Welt.
Allen Beteiligten möchten wir für ihr beeindruckendes Engagement, ihre investierte Zeit und ihre Leidenschaft für die historische Erforschung der sozialdemokratischen Regionalgeschichte sehr herzlich danken.
Wir danken den Mitgliedern der Historischen Kommission für ihre Arbeit: Christian Denstorff, Dr. Hans Kraft, Volker Münchow MdL, Kerstin Griese MdB, Gunnar Schneider-Hartmann, Jan Peter Lichtenford, Günter Scheib, Prof. Dr. Klaus Hänsch, Sabine Haesen, Sven Haedecke, Regina Schmidt-Zadel, Hans Peter Zadel, Bernd Stracke, Hans Günter Steinhauer, Berthold Becker, Hermann Schmidt, Diethelm Beer, Reinhard Schneider, Rainer Klinger, Horst Wangerin, Werner Bischoff, Hans-Willi Meyer, Sebastian Broch, Prof. Dr. Uwe Holtz, Jürgen Scholz, Heike Lützenkirchen, Jochen Lohoff, Heiner Wolfsberger und Peter Zwilling.
Die Herausgeber
Kerstin Griese, Kreisvorsitzende der SPD
Peter Zwilling, Kreisgeschäftsführer
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